18.10.2018

01.08.2018

UN-Entwicklungsziele

„Eine schlechte Governance führt zur Wasserknappheit“

Sauberes Wasser ist in vielen Ländern der Welt Mangelware. Was das mit unserem Konsumverhalten zu tun hat und wie man mit den vorhandenen Ressourcen verantwortungsvoll umgehen kann, hat uns Johannes Schmiester vom WWF erklärt. Die Umweltorganisation ist Mitglied in der Alliance for Water Stewardship (AWS), die die globalen Wasserrisiken bekämpfen will.

„Eine schlechte Governance führt zur Wasserknappheit“ zoom
Dürreperioden zerstören die Umwelt.

UmweltDialog: Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Auch die SDGs fordern dieses Recht ein. Mehreren Hundert Millionen Menschen bleibt es aber verwehrt. Wie können wir die Wasserkrise bis 2030 lösen?

Johannes Schmiester: Um das zu beantworten, müssen wir zunächst die genaue Problematik erläutern. In Deutschland etwa haben wir genügend Trinkwasser, während es für andere Menschen auf der Welt Mangelware ist. Diese beiden Ebenen hängen miteinander zusammen. Denn das meiste Wasser, das wir hierzulande verbrauchen, verbrauchen wir ja nicht in unseren Haushalten, sondern indirekt über die Produkte, die wir konsumieren. Vor allem über unsere Lebensmittel. Aber die Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft findet oft woanders statt. Dort steht sie dann zur Trinkwasserversorgung und zu Ökosystemen in Konkurrenz, die auch ein bestimmtes Maß an Wasser für ihr Fortbestehen benötigen.

Also müssen wir unser Konsumverhalten verändern.

Schmiester: Wir Verbraucher tragen einen Teil der Verantwortung. In Deutschland gibt es in der Regel genügend Wasser, das gerecht verteilt wird. Um die Wasserressourcen anderer Länder zu schonen, sollten wir grundsätzlich regionale und saisonale Lebensmittel einkaufen. Außerdem sollten wir weniger tierische Produkte wie Fleisch essen, weil ihre Herstellung besonders viel Wasser benötigt. Nachhaltig zu konsumieren, bedeutet aber auch, Lebensmittel wertzuschätzen. Schmeißt man beispielsweise eine verdorbene Banane weg, hat man im übertragenen Sinn 160 Liter Wasser im Abfalleimer entsorgt. Das ist mehr Wasser, als der Durchschnittsverbraucher pro Tag im Haushalt benötigt.

Natürlich müssen wir auch mit anderen Produkten wie etwa Elektrogeräten oder Baumwollkleidung, die in ihrer Herstellung einen hohen Wasser-Fußabdruck haben, verantwortungsvoll umgehen und dürfen sie nicht wahllos einkaufen.

Ohne Wasser kein menschenwürdiges Leben

Menschenrechte wie etwa das Recht auf Leben, das Recht auf Nahrung oder das Recht auf Gesundheit wären ohne Wasser gar nicht denkbar, weil die Ressource essentiell für unser Überleben und unser Wohlergehen ist. So hat die UN-Generalversammlung 2010 das Recht auf Wasser ebenfalls als Menschenrecht anerkannt. Dieses beinhaltet den Zugang zu sauberem Wasser und zu sanitären Einrichtungen. Wenn Menschen beides fehlt, sind ihre persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Das zeigt sich u.a. am Faktor Zeit. So benötigen Millionen Menschen täglich mehrere Stunden, um Wasser zu holen. Diese Zeit fehlt ihnen dann für Bildung, Kindererziehung oder für ihre Arbeit. Außerdem entstehen viele Krankheiten erst, wenn es kein sauberes Trinkwasser und keine Toiletten gibt.

Mehrere Hundert Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser.
Mehrere Hundert Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser.
Dabei ist das die Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben.
Dabei ist das die Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben.

Welche Länder sind besonders vom Wassermangel betroffen?

Schmiester: Wasserknappheit kommt in vielen Regionen der Welt vor. Beispielsweise in Nordafrika oder dem mittleren Osten. Das sind Gegenden, in denen die Bevölkerung extrem schnell wächst, während die Ressourcen schwinden. Besonders schlimm ist die gegenwärtige Wasserkrise im südafrikanischen Kapstadt, in deren Folge die Kommune u.a. den Bewohnern die Wassermenge rationieren musste.

In Lateinamerika mangelt es den Menschen und der Natur vor allem westlich der Anden an ausreichend sauberem Wasser und in Nordamerika kommt es im Landwirtschaftshotspot Kalifornien immer wieder zu Dürreperioden. Aber auch innerhalb der EU gibt es Wassermangel, vor allem in Südeuropa wie Südspanien. Die Region ist der Obst- und Gemüsegartens der EU, und dort leidet vor allem die Natur unter der Wassernot.

Die physikalische Wasserknappheit ist aber nicht der einzige Grund, warum es Menschen und Natur an sauberem Wasser fehlt. Vielerorts haben wir das Problem, dass die vorhandenen Ressourcen unbrauchbar sind, weil Rohstoffabbau, beispielsweise im Bergbau, oder wirtschaftliche Produktionsprozesse das Wasser verschmutzen und dadurch für die Trinkwasserversorgung entfallen.

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Experten warnen, dass Kriege künftig auch um Wasser geführt werden. Schon jetzt befeuert Wassernot gesellschaftliche Konflikte. Nennen Sie uns aktuelle Beispiele?

Schmiester: Wir kennen alle die gegenwärtige Situation in Syrien. Bevor der Bürgerkrieg ausgebrochen war, litt das Land unter einer extremen Wassernot. Diese hatte unterschiedliche Gründe: Etwa der Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken in der Türkei, Effekte des Klimawandels wie Dürreperioden oder die landwirtschaftliche Übernutzung der Wasserreservoire. Aufgrund des Wassermangels mussten viele Bauern ihre Betriebe schließen oder ihre Mitarbeiter entlassen. Die Folge: Es kam zu einer massiven Landflucht der Betroffenen, die in den Städten aber keine Arbeit und keinen gesellschaftlichen Anschluss fanden, wodurch sich wiederum soziale Spannungen verschärften. Natürlich ist die Wasserkrise nicht die Ursache für den Krieg in Syrien; dennoch verstärkte sie vorhandene Konfliktpotenziale.

Dieser Wirkmechanismus lässt sich auf andere Länder mit gesellschaftlichen und politischen Spannungen übertragen. Ich möchte mir nicht die Konsequenzen vorstellen, wenn dieses Jahr in Kapstadt wirklich an einem „Day Zero“ die Wasserversorgung abgestellt worden wäre.

Einige Kommunen in wasserarmen Regionen versuchen, den Ressourcenmangel durch technologische Mittel wie Meerwasserentsalzungsanlagen in den Griff zu bekommen. Liegt die Lösung also in einer besseren Wasser-Infrastruktur?

Schmiester: Natürlich spielt die Infrastruktur zur Wasseraufbereitung und -verteilung vor allem in Großstädten eine wichtige Rolle, um Menschen mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Hier müssen viele der betroffenen Regionen nachrüsten. Für uns sind aber Technologie und Infrastruktur nachgelagerte Fragen. Denn in erster Linie führt eine schlechte Governance zur Wasserknappheit.

Diese kennzeichnet sich etwa durch extreme Ausdehnung von Landwirtschaftsflächen aufgrund wirtschaftlicher Interessen, kommunale Akzeptanz illegaler Brunnen, mangelnde Regulierung von Wasserressourcen und deren Überverteilung an wirtschaftliche Akteure, sodass für den Privatverbraucher nicht mehr genügend Trinkwasser übrig bleibt. Selbst in Ländern wie Spanien, das als Teil der Europäischen Union an die EU-Wasserrahmenrichtlinie gebunden ist, tolerieren einige Kommunen die Missachtung von Wassernutzungsvorschriften zum Nachteil von Menschen und Natur.

Wasser ist eine geteilte Ressource mit Co-Abhängigkeiten der unterschiedlichen Nutzer. Wenn flussaufwärts etwa ein Betrieb zu viel Wasser benötigt, bleibt flussabwärts für einen anderen nichts mehr übrig.

Was muss stattdessen passieren?

Schmiester: Es geht darum, die Wasserressourcen eines Flussgebietes – das ist die geografische Einheit für Wasser – richtig zu managen. Dabei sind zunächst politische Akteure gefragt, die Regulierungsvorschriften erlassen. Was passiert zum Beispiel, wenn es zu einer Dürreperiode kommt? Wie viel Wasser bekommen Menschen und Wirtschaft dann zugeteilt?

In einer funktionierenden Governance-Struktur finden Politik, Zivilgesellschaft und die Privatwirtschaft, die ja unter Umständen mit bis zu 80 Prozent am meisten Wasser in einer Region verbraucht, gemeinsam ganzheitliche Wassermanagement-Ansätze. Diese müssen Flussgebiete als komplexe Systeme begreifen und dürfen nicht versuchen, Probleme punktuell oder im Alleingang zu lösen.

Denn Wasser ist eine geteilte Ressource mit Co-Abhängigkeiten der unterschiedlichen Nutzer. Wenn flussaufwärts etwa ein Betrieb zu viel Wasser benötigt, bleibt flussabwärts für einen anderen nichts mehr übrig, unabhängig davon, ob diese Firma besonders wassereffizient wirtschaftet oder nicht.

Wasser als Betriebsrisiko

Das physische Risiko der Wasserknappheit und -verschmutzung und das regulative Risiko der Wasserverteilung betreffen sowohl die Menschen als auch die Unternehmensstandorte eines Flussgebietes. Betriebe müssen darüber hinaus noch ein reputatives Risiko im Kontext ihres Wasserverbrauchs berücksichtigen. Werden Naturschutzgebiete oder wichtige kulturelle Stätten und religiöse Riten durch das Handeln beeinträchtigt?

Der Anbau von Baumwolle ist sehr wasserintensiv.
Der Anbau von Baumwolle ist sehr wasserintensiv.
Ohne sauberes Wasser kein Geschäftsmodell.
Ohne sauberes Wasser kein Geschäftsmodell.

Der WWF hat einen Ansatz entwickelt, wie Unternehmen mit anderen Akteuren kooperativ Lösungen für Wasserrisken entwickeln können. Wie funktioniert Ihr Water Stewardship-Konzept?

Schmiester: Unser Programm sieht vor, dass Unternehmen sich über die Wassersituation ihrer Standorte vor Ort bewusst werden. Welche Rolle spielt die Ressource innerhalb der Wertschöpfung? Wo wird sie verbraucht? Wie steht das in Konkurrenz zu den Bedürfnissen anderer Wassernutzer? Sind Wassermangel oder Flutkatastrophen die spezifischen Probleme der Flussgebiete? Nach der Analyse und Datenerhebung müssen die Unternehmen geeignete Maßnahmen ableiten, die negative soziale und ökologische Auswirkungen ihres Wasserverbrauchs innerhalb eines Flussgebietes reduzieren.

Darüber hinaus erwarten wir, dass die Firmen sich mit anderen lokalen Akteuren wie Gemeinden und NGOs vernetzen, Wissen austauschen und Maßnahmen über die Betriebsgrenzen hinweg entwickeln. Das können etwa Projekte zum Hochwasserschutz oder zur Wiederaufforstung sein. Bei der Kooperation geht es nicht darum, dass Unternehmen für den Wasserverbrauch ihrer Geschäftstätigkeit lobbyieren und ausschließlich ihre Interessen durchsetzen. Es sollen vielmehr Lösungen entstehen, die allen lokalen Beteiligten eine nachhaltige Wassernutzung ermöglichen.

Johannes Schmiester, Project Manager Water Stewardship beim WWF Deutschland
Johannes Schmiester, Project Manager Water Stewardship beim WWF Deutschland

Auf diese Weise soll der Water Stewardship-Ansatz ein Stück weit das Kräfteverhältnis zwischen Wirtschaft, Gemeinden und Zivilgesellschaft ausgleichen, da Unternehmen aufgrund ihrer Kapitalausstattung immer in der finanzstärkeren Position sind. Denn im Endeffekt geht es darum, dass staatliche Institutionen ihre Rolle wahrnehmen können und eine gerechte Wasserverteilung gewährleisten.

Der WWF ist außerdem Teil der Alliance for Water Stewardship (AWS). Was ist das und wer macht alles mit?

Schmiester: AWS ist eine mitgliedergeführte NGO, deren Teilnehmer aus unterschiedlichen Sektoren wie Wirtschaft, Forschung oder Zivilgesellschaft kommen und jeweils große Expertise beim Thema Wasser mitbringen. Damit ist der kooperative Water Stewardship-Ansatz genuin in der Organisation verankert. Ziel ist es, die globalen Wasserkrisen zu bekämpfen.

Für ihre Mitglieder ist AWS gleichzeitig eine Dialogplattform, die lokal Trainings für nachhaltiges Wassermanagement anbietet.

Die AWS gibt außerdem seit 2014 einen Standard heraus, der den verantwortungsvollen Wasserumgang von Unternehmen zertifiziert. Bitte erklären Sie den Standard und den Zertifizierungsprozess.

Schmiester: Andere Standards haben die wasserspezifischen Risiken in der Lieferkette und im Wassereinzugsgebiet von Unternehmen nur ungenügend abgebildet. Diese Lücke wollten die Mitglieder von AWS schließen und haben einen eigenen unabhängigen Standard ins Leben gerufen. Dieser versucht Maßnahmen abzufragen, die ein Unternehmen intern im Bereich Wassermanagement umsetzt. Außerdem muss ein Unternehmen erklären, welche Maßnahmen in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren die Situation im Flussgebiet verbessern. Damit greift der Standard genau die Prinzipien des Water Stewardships auf.

Es gibt ein Set von Kernkriterien, die jeder Unternehmensstandort für eine Zertifizierung erfüllen muss. Über weiterführende Maßnahmen, vor allem bei der Kooperation mit anderen Akteuren, können Betriebe zusätzlich Punkte sammeln und damit eine Gold- oder Platinzertifizierung erhalten. Der Standard setzt klassische Managementprozesse voraus, die ein Commitment zur Water Stewardship und ihre strategische Umsetzung beinhalten. Innerhalb des Auditierungsprozesses werden relevante Dokumente kontrolliert und die Betriebe besucht, um die tatsächliche Umsetzung der Maßnahmen zu begutachten.

Wer macht bei AWS mit?

Auch Nestlé Waters kooperiert mit dem Multi-Stakeholder-Netzwerk AWS, zu dem auch staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure gehören. Das Unternehmen will bis 2025 alle seine Werke nach dem Standard zertifizieren lassen. Bis dato haben bereits acht Standorte von Nestlé in Pakistan, Kanada und den USA das Audit durchlaufen. „Der verantwortliche Umgang mit Wasser ist ein Thema, das uns alle betrifft – Unternehmen, Regierungen, Einzelpersonen und Gemeinschaften. Eine sinnvolle und integrative Zusammenarbeit ist der einzige Weg, einen positiven Beitrag zur Zukunft des Wassers zu leisten“, sagt Adrian Sym, CEO der Alliance for Water Stewardship. „Wir hoffen, dass andere große Unternehmen diesem Beispiel folgen werden.“

Wir führen gerade in Südspanien mit EDEKA ein Projekt durch, das auch die Zertifizierung des ersten europäischen Landwirts nach dem AWS-Standard beinhaltete. Dieser hat nicht nur seine Feldarbeit nachhaltig ausgerichtet und Wasser eingespart, sondern beispielsweise Wasserrisiken im Flussgebiet analysiert und einen Workshop für andere Landwirte, NGOs und Behörden initiiert. Mit der Veranstaltung hat er verdeutlicht, dass alle Akteure gleichermaßen von der Thematik betroffen sind und dass Lösungen nur über eine Zusammenarbeit aller Beteiligten gefunden werden können.

Gerade die öffentlichen Vertreter konnten aus dem Workshop viele Erkenntnisse sammeln, die ihre Arbeit künftig beeinflussen. Denn bis dato haben sie immer gedacht, dass man den hohen Wasserverbrauch der Farmer als Rückgrat der lokalen Wirtschaft tolerieren müsse und ein nachhaltiges Handeln gar nicht möglich sei.

Beim Water Stewardship geht es darum, dass Firmen ihren Teil der Verantwortung für nachhaltiges Wassermanagement übernehmen.

Dem WWF wird von Medien und anderen NGOs vorgeworfen, zu eng mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten. Die Kritik lautet, dass Unternehmen Ihre Standards wie MSC unterliefen und zum Greenwashing benutzten. Warum soll der Verbraucher Vertrauen in den AWS-Standard haben?

Schmiester: Unternehmen spielen innerhalb der AWS-Organisation zwar eine Rolle, ihre Anliegen haben aber kein größeres Gewicht als die der anderen Akteure. Beim Water Stewardship geht es darum, dass Firmen ihren Teil der Verantwortung für nachhaltiges Wassermanagement übernehmen. Der Standard ist kontextspezifisch aufgebaut, sodass Betriebe ihren Zulieferern innerhalb der Lieferkette nicht einfach Dinge auferlegen können. Es geht darum, dass beispielsweise Landwirte die Wasserrisiken ihres Umfeldes erkennen und dann gemeinsam mit den Unternehmen geeignete Lösungen entwickeln.

Für uns ist es wichtig, dass sich Betriebe in Branchen mit einem hohen Wasser-Fußabdruck zertifizieren lassen. Dazu gehören unserer Meinung nach die Landwirtschaft, der Bergbau und die Textilindustrie.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schmiester!

Quelle: UmweltDialog
 

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