26.09.2018

16.08.2018

UN-Entwicklungsziele

Wie können die SDGs finanziert werden?

Um alle sozialen und ökologischen Projekte weltweit zu finanzieren, brauchen wir enorme Kapitalmengen. Unser jetziges Währungssystem und die klassische Umverteilungsdebatte können das alleine nicht leisten. Wir brauchen daher eine parallele, optionale Währung für die SDGs.

Wie können die SDGs finanziert werden?

Von Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

Dies lässt sich schnell und zielgerichtet umsetzen und ist relativ billig. Zudem hätte es einen konjunkturdämpfenden, anti-inflationären und widerstandsfähigen Einfluss auf unser Handels- und Bezahlungssystem. Dafür muss man sich aber zunächst auf eine völlig neue Denkweise einlassen, wie sich ein finanzielles Wirtschaftssystem schaffen lässt, welche die Welt zu einem besseren Ort macht.

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Wir sind die erste Generation der menschlichen Geschichte mit dem Potenzial, die weltweite Armut zu beenden. Wir sind außerdem die letzte Generation, die ein unwiderrufliches ökologisches Disaster beim Blick auf Biodiversität, Erderwärmung und Ressourcenknappheit verhindern kann. Die meisten der SDGs betreffen Gemeingüter, wie beispielsweise saubere Luft, Zugang zu Gesundheit, Bildung (auch vorschulische Bildung) und das Versprechen, die Biodiversität zu erhalten. Diese Güter sind nicht exklusiv. Sie sollen für alle zugänglich sein. Es gibt genug wissenschaftliche Erkenntnisse, technologisches Know-how und politischen Willen, jedes dieser Ziele zu erreichen. Aber es wird teuer: Tatsächlich wird es etwa fünf Billionen US-Dollar pro Jahr über die nächsten 20 Jahre kosten, sie zu finanzieren. Wie finanzieren wir das?

Der herkömmliche Weg: Vermögensumverteilung

Der herkömmliche Weg zur Finanzierung solcher Projekte ist die Vermögensumverteilung. Dieser Prozess wird von der Zentralbank angestoßen, welche im Prinzip Geld aus dem Nichts schafft. Als nächstes verleihen kommerzielle Banken und der Kapitalmarkt dieses Geld als Kredit an Staaten, Unternehmen und private Haushalte. Dieser Prozess endet mit der Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Die gesamte Summe all dieser Güter und Dienstleistungen zusammengefasst (das GDP – Gross Domestic Product GDP) beträgt weltweit etwa 80 Billionen US-Dollar pro Jahr.

Nicht mitgezählt ist hierbei die globale Schattenwirtschaft. Jene macht noch einmal etwa ein Drittel des weltweiten GDPs aus. Es beinhaltet Geldwäsche, Schmuggel, Drogenhandel, illegale Finanzaktionen, aber auch wirtschaftliche Aktivitäten im informellen Sektor (Schwarzarbeit). Zusätzlich umfasst die globale Wertschöpfungskette den sogenannten entropischen Sektor, welcher die Kosten von Krisenmanagement, sozialen und ökologischen externen Effekten und alle unvorhergesehenen Auswirkungen umfasst, für die der Steuerzahler gerade stehen muss. Beispiele hierfür sind zusätzliche Kosten für das Gesundheitswesen aufgrund von Luftverschmutzung, die sozialen Kosten der Exklusion, Arbeitslosigkeit und Armut sowie zusätzliche Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen in Zeiten des Terrors.

Das Grundprinzip der Finanzierung dieser Aspekte ist die sogenannte end-of-pipe-Strategie: Ob Steuereinnahmen oder -zahlungen, Sparmaßnahmen, Privatisierung, die Verschuldung von privaten oder öffentlichen Haushalten oder zusätzliches Wirtschaftswachstum – all diese Strategien dienen dazu, Liquidität zu schaffen, um so soziale und ökologische Projekte zu finanzieren.

Haben diese Umverteilungsmechanismen in der Vergangenheit funktioniert? Die Weltgemeinschaft hat sich dazu verpflichtet, 0,7 Prozent des weltweiten GDP – etwa 500 Milliarden US-Dollar im Jahr – für Entwicklungshilfe auszugeben. Mit Ausnahme der skandinavischen Staaten hat kaum ein Staat diesen Richtwert erreicht. Selbst wenn, so würde der Betrag realistisch gesehen nicht ausreichen, um unsere Zukunft zu finanzieren. Etwa das Acht- bis Zehnfache wird nämlich benötigt, um die besagten fünf Billionen US-Dollar zu erreichen. Einen solchen Betrag aus der Wirtschaft zu entnehmen, würde – selbst in einem langsamen Prozess – eine globale Rezession verursachen. Also woher bekommen wir das Geld, das wir zur Finanzierung der SDGs benötigen? Es ist illusorisch anzunehmen, dass ein Umverteilungsprozess (schnell) genug gelingt. Wir benötigen deshalb zusätzliche Liquidität im großen Stil, mit voller Geschwindigkeit und auf das Erreichen der SDGs zugeschnitten. Auf der Suche nach einer Lösung gibt es einen wichtigen Fakt, den wir nicht vergessen dürfen: Geld ist kein
Naturgesetz, sondern eine Konvention. Genau wie eine Regel in einem Club, ein Ehevertrag oder ein gesetzlicher Vertrag kann es modifiziert und an die globalen  Ansprüche angepasst werden. Können wir die Sache also anders angehen?

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Eine komplementäre Parallelwährung?

Was wäre, wenn wir die weltweit benötigten finanziellen Mittel auf eine ganz andere Art und Weise generieren könnten? Zentralbanken könnten zusätzliche fünf Billionen US-Dollar anhand von elektronischen Formaten wie der Blockchain-Technologie schaffen. Was wäre, wenn dieses Geld speziell dafür vorgesehen wäre, zunächst SDG-nahe Projekte zu finanzieren? Was wäre, wenn diese Mittel durch andere Kanäle fließen würden als bisher? Dann hätten wir eine ergänzende Währung, parallel zum existierenden konventionellen System, die die fünf Billionen US-Dollar generieren könnte, die wir in den nächsten zwanzig Jahren so bitter nötig haben. Was sagt die Wissenschaft zu all dem? Gibt es empirische Beweise dafür, dass diese Methode zum Erfolg führen kann?

Untersuchungen haben mehr als ein Dutzend positive Effekte gefunden. So könnten wir beispielsweise auf neue Technologien wie Blockchain-Protokolle zurückgreifen, um  zusätzliche, zielorientierte, finanzielle Liquidität für Millionen von Afrikanern mithilfe der lokalen Mobilfunknetze zu kreieren (MPesa ist hier ein Vorbild). Auf dem indischen Subkontinent könnten wir das bestehende Kleinkredit-System nutzen (Vorbild Grameen-Bank). Jeder Euro, der über solche Kanäle ausgegeben oder investiert wird, würde sich positiv auf die weltweite Armutsreduktion auswirken. Das elektronische System würde zudem Korruption und Betrug verhindern, da jede Transaktion transparent und öffentlich ist. Sobald eine solche Währung auch für das Bezahlen von Steuern legalisiert wird, könnten kommunale Einrichtungen auf zusätzliche Liquidität zurückgreifen. Die öffentliche Infrastruktur könnte so zusätzlich finanziert werden. Ein solcher Mechanismus würde auch die Bildung ankurbeln und einen universalen Zugang zum Gesundheitssystem ermöglichen. Alles Projekte, welche ansonsten nicht realisierbar wären; er würde die Ressourcenerschöpfung reduzieren und die Luft reinigen, und damit die negativen Effekte auf unsere Gesundheit verhindern. Letztendlich könnten wir das bislang unerschlossene Potenzial der Millionen von Arbeitslosen nutzen und die Kreativität von Milliarden von Menschen entfesseln.

Was ist eine Blockchain und wie funktioniert diese?

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Vereinfacht gesagt ist die Blockchain eine Datenbank und funktioniert quasi wie ein digitales Kassenbuch. In Analogie zu einer Seite im Kassenbuch, die Informationen über eine bestimmte Transaktion beinhaltet, ist es in der Blockchain ein digitaler Block, der diese Informationen enthält. Ist ein Block voll, wird der nächste Block angehängt. Es bildet sich eine Kette aus Blöcken, daher Blockchain.

Es gibt hierbei keine Vermittlungsinstanz mehr, die zwischen die Vertragspartner geschaltet ist. Vielmehr wird bei jedem vollwertigen Nutzer-PC ein Abbild der gesamten Transaktionshistorie abgelegt, welche für jeden jederzeit einsehbar ist. Es herrscht also vollkommene Transparenz. Ohne Blockchain als realisierende Technologie würde das System der digitalen Währung also nicht in der Form funktionieren. Im Ergebnis ist es somit die Technologie Blockchain, die die Kryptowährung Bitcoin zum Funktionieren bringt.

Was wären die Folgen für die konventionelle Wirtschaft? Diese fünf Billionen US-Dollar in Form von Blockchain-Liquidität würden der konventionellen Wirtschaft in keiner Weise schaden. Das Gegenteil wäre sogar der Fall: Unternehmerische und staatliche Planung, Produktion und Preisniveaus würden robuster und zuverlässiger, auch auf lange Sicht. Eine ergänzende Währung würde den Wirtschaftszyklus von Booms und Pleiten stabilisieren. Zunächst würde ein paralleles, optionales Währungssystem neue Jobs kreieren und es Menschen erlauben, aus der Schattenwirtschaft in legale Bereiche zu wechseln (inverse trafficking). Zweitens würde es negative, externe Effekte reduzieren und die Kosten im entropischen Sektor senken (inverse pricing). Drittens würde es die Tendenz zur finanziellen Monokultur reduzieren (antizyklische Investments).

Eine parallele Währung ist paretoeffizienter

Warum hat ein solches paralleles, optionales Währungssystem das Potenzial, Wohlstand, Robustheit und Effizienz zu steigern und so das wirtschaftliche System paretoeffizienter zu gestalten? Die wahre Tragödie der Allmende, mit der wir es hier zu tun haben, ist nicht, dass die Gemeingüter exklusiv sind, sondern dass sie innerhalb eines Finanzsystems agieren, das sie davon abhält, ihr volles Potenzial zum Wohl der Menschheit zu entfalten. Die empirische Forschung der letzten Jahre konnte immer wieder zeigen, dass der Return on Investment (ROI) globaler Gemeingüter für die Gesellschaft atemberaubende 10 bis 100 mal höher ist, als die Erträge von privaten  Geschäftsmodellen oder Staatsanleihen. Die folgende Grafik zeigt die Erträge aus
privaten und staatlichen Anleihen über ein Jahrhundert:


S&P 500 3-M Staatsanleihe 10-J Staatsanleihe
1928–2015 11 Prozent 3 Prozent 5 Prozent
1966–2015 11 Prozent 5 Prozent 7 Prozent
2006–2015 9 Prozent 1 Prozent 5 Prozent

Standard and Poor's 500 Index; dreimonatige Staatsanleihen, Zehn-Jahres-Staatsanleihen

Es muss angemerkt werden, dass die durch den Mechanismus hervorgerufenen Effekte auf eine nachhaltige Wohlstandsentwicklung unter Umständen deutlich größer sein  können, als der traditionelle Keynes’sche Multiplikator vorsieht. Dies hat vor allem mit folgenden Aspekten zu tun: Einmal wird eine andere Technologie (Blockchain)  verwendet; des Weiteren werden unterschiedliche Kanäle genutzt, um die zusätzliche Liquidität in die Realwirtschaft zu befördern (Citizen money etc.); der hier vorgeschlagene Mechanismus reduziert zudem zielgenauer die negativen externen Effekte und sogenannte Spill-overs im entropischen Sektor, die negativen Auswirkungen der Schattenwirtschaft und der Realökonomie (Korruption, Steuerhinterziehung). Insgesamt würde der Mechanismus einen stabileren und widerstandsfähigen Rahmen bieten, um unsere gemeinsame Zukunft nachhaltig zu finanzieren. Ich denke, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ein solches komplementäres, paralleles und optionales Währungssystem paretoeffizienter ist als das herkömmliche monetäre Monopol.

Bewusstseinswandel

Anstatt auf eine lineare und sequenzielle Art und Weise zu denken – was wir tun, wenn wir end-of-pipe-Strategien verfolgen, um durch die Umverteilung von Vermögen und Einkommen unsere Zukunft zu finanzieren – müssen wir anfangen, parallel zu denken. Genauso wie ein Fahrrad zwei Räder braucht, brauchen wir ein Währungssystem mit zwei Pfeilern: Einem konventionellen und einem komplementären, beide verknüpft, aber doch mit unterschiedlichen Zwecken ausgestattet. Wenn es einen einzigen Faktor mit dem größten Potenzial gibt, welcher die Welt verändern könnte, dann ist es ein paralleles Finanzsystem. In weniger als sechs Monaten könnte mit der Arbeit begonnen werden, wenn sich die sechs größten Zentralbanken dazu entschließen, eine solche Zusatz-Währung zu schaffen. Mit einer Parallelwährung würde unsere Welt effizienter
und gleichzeitig auch widerstandsfähiger werden und sie würde die Erde sicherlich zu einem besseren Ort machen.

Dieser Artikel ist im Original im Global Compact Deutschland 2017 „Deutschland 2030 - Wie können wir die SDGs umsetzen?“ erschienen.

Mehr zum Thema:

Global Compact Jahrbuch 2017
Quelle: UmweltDialog
 

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