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Dialektik der Nachhaltigkeit – Was man in Island lernen kann

12.10.2017

Dialektik der Nachhaltigkeit – Was man in Island lernen kann

Nachhaltigkeit wird zum Thema und zum Problem durch wirtschaftliches Wachstum und Übernutzung von Ressourcen – sowohl natürlichen wie menschlichen. Allerdings kann extremes Wachstum in einem Sektor dazu beitragen, dass die Nachhaltigkeit in einem anderen Sektor größer wird. Wie es scheint, ist Nachhaltigkeit doch kein universelles, sondern nur ein sektorales Konzept. Das kleine Island ist aufgrund seiner exorbitanten Wachstumsdynamiken ein gutes Anschauungsbeispiel dafür.

Die beliebte Insel im Nordatlantik wirbt schon am Flughafen großformatig damit, das Land der „grünen“ Energie zu sein und begrüßt die immer größer werdenden Scharen von Touristen mit der gewissensentlastenden Botschaft, in ein „carbon-free country“ zu kommen. Schon 2008 formulierte der damalige Wirtschaftsminister Össur Skarphédinsson das Ziel, bis 2050 ohne jegliche fossile Brennstoffe auszukommen. Tatsächlich basiert Islands Wirtschaft heute bereits auf 85 Prozent erneuerbarer Energie, wie uns der Kommunikationschef von OR Reykjavik Energy, Eiríkur Hjálmarsson, berichtete. Anfang September 2017 waren ein Dutzend Nachhaltigkeitsexperten aus Deutschland mit stratum in Island unterwegs, um sich unmittelbares Bild zu verschaffen. Zurück kamen sie mit einem sehr viel differenzierteren Bild des nachhaltigen Island, als es in der Werbung geschildert wird.

Island hat drei große Wirtschaftszweige – die traditionelle Fischerei, die in den letzten zehn Jahren stark gewachsene Aluminium- und Siliziumindustrie und den Tourismus, der seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 gigantische Steigerungsraten aufweist. In diesem Jahr kommen 2,3 Millionen Besucher in das Land, das selbst nur 330.000 Einwohner hat. Die Abhängigkeit vom Tourismusgeschäft, das die agilen Isländer rasant angekurbelt haben, ist inzwischen so groß, dass uns die Chefin der isländischen Tourismusagentur, Ólöf Ýrr Atladóttir, sagte: „Wenn die Touristenzahlen aus irgendeinem Grund wieder stärker zurückgehen sollten, bekommen wir einen größeren Crash als in der Bankenkrise 2008.“

Unterwegs auf der Hochlandpiste.

Nachhaltigkeit wird meistens diskutiert als Eingrenzung der schädlichen Auswirkungen von Wachstum. Der Tourismusboom in Island ist natürlich eine Gefahr für den Naturschutz und die sagenhaften Naturlandschaften auf der Vulkaninsel. Inzwischen gibt es einen richtigen „Krieg um das Hochland“, weil die löchrigen Pisten, die beispielsweise nach Kerlingarföll führen, einem beliebten Wandergebiet im südlichen Hochland, zu winterfesten Straßen ausgebaut werden sollen, wenn es nach den Betreibern der touristischen Einrichtungen geht. Einer von ihnen, Páll Gislason, sprach uns gegenüber sogar von „Öko-Terroristen“, die diese Pläne bekämpfen. Dennoch muss man feststellen, dass es bislang kaum Einschränkungen touristischer Aktivitäten durch den Naturschutz gibt. Die Isländer sind geschäftstüchtig und schnell im Nutzen von sich bietenden Chancen. „Longterm perspectives especially are difficult for Islanders“, bescheinigt der Geschäftsführer des „Icelandic Center for CSR“, Ketill Magnússon, seinen Landsleuten.

Der Tourismusboom erweist sich auf einer anderen Seite nun aber als Beitrag zur Nachhaltigkeit. In den 70er Jahren wurde nämlich in Island ernsthaft darüber nachgedacht, das Land zwischen den Interessen der Fischereiindustrie und der Energieerzeuger aufzuteilen. Man berechnete, wie groß die natürlichen Energieressourcen des Landes – Wasserkraft und Geothermie – sind und kam allein aus Wasserkraft auf 30 Terrawattstunden Strom. Was macht man mit so viel Energie? Eine Zeitlang geisterte die Idee herum, Island könne die „grüne Batterie“ Europas werden und „Naturstrom“ über dicke Stromkabel auf's europäische Festland schicken. Eine viel schneller realisierbare Geschäftsidee bestand jedoch darin, energieintensive Industrien wie z.B. Aluminiumschmelzen ins Land zu holen. Tatsächlich hat man damit vor über zehn Jahren begonnen, als weltweit die Energiepreise stiegen. Alcoa investierte 2005 in eine erste Schmelzhütte auf Island, nachdem der staatliche Energieversorger Landsvirkjun dem Unternehmen einen extrem niedrigen Strompreis für 40 Jahre garantiert hat. Heute produziert Island 800 Tausend Tonnen Aluminium pro Jahr und steht damit an zwölfter Stelle der Aluminiumlieferanten weltweit. Während ein Deutscher im Durchschnitt 7.000 kWh pro Jahr Energie verbraucht, kommen auf einen Isländer aufgrund des Energiebedarfs der Schwerindustrie 53.000 kWh, also fast das Achtfache!

Hätte man die Pläne aus den 70er Jahren konsequent weiterverfolgt, wären zahlreiche Ökosysteme und Naturschönheiten beeinträchtigt und zerstört worden, die heute als touristische Attraktoren gelten. Unter anderem war konkret geplant, den Wasserfall des Gullfoss für die Stromproduktion umzuleiten und ihn nur im Sommer, zur Hochsaison, wieder aufzudrehen. Es dürfte also dem einsetzenden Massentourismus, der heute nicht nur im Sommer in Island stattfindet, zu verdanken sein, wenn die weitere Naturzerstörung zugunsten der Energieproduktion aufgehalten wird.

 
Quelle: UD

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