18.06.2018

08.03.2018

Politik & Gesellschaft

Frauentag das ganze Jahr

Ruth Asan lebt und arbeitet in Nairobi. Seit 2015 engagiert sich die gebürtige Würzburgerin in Kenia für verschiedene soziale Projekte, unter anderem das Social Startup Ruby Cup, einen Hersteller von Menstruationstassen. Für jeden verkauften Cup spendet Ruby Cup eine Tasse an ein Mädchen in einem Entwicklungsland. Kenia steht aktuell im Fokus, denn dort ist Menstruation ein ziemliches Tabuthema. Mädchen wissen kaum Bescheid über die Vorgänge in ihrem Körper und benutzen Lumpen, Ziegenhaut oder auch Sand zum Auffangen der Regelblutung. Ruth Asan besucht Schulen, in denen Ruby Cups verteilt werden und bloggt über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Ruth Asan
Ruth Asan

Achter März, Internationaler Frauentag. Was bedeutet das für Sie?

Ruth Asan: Na, der Frauentag wird ja überall unterschiedlich begangen. Generell werden Frauen häufig nur in ihrer Rolle als Mütter geehrt, als diejenigen, die die nächste Generation großziehen. Da bleiben eine ganze Menge Frauen auf der Strecke. Das ist mir zu kurz gedacht. Besonders hier in Kenia ist das so, aber auch in Italien habe ich am Frauentag achter März ähnliche Erfahrungen gemacht. Frauen sollten als Menschen etwas wert sein und nicht nur als Mütter.

Wie ist denn eigentlich der Stellenwert von Frauen in Kenia?

Asan: Es gibt hier über 40 verschiedene Stämme, und die haben teilweise komplett unterschiedliche Vorstellungen von Partnerschaft und von der Rolle der Frau. Das kann man schwer verallgemeinern. In den Städten geht es wie überall liberaler zu, aber 75 Prozent der Bevölkerung leben in Kenia eben auf dem Land. Und dort wird das Frauenbild leider häufig noch von Aberglauben und althergebrachten Werten bestimmt. Wenn eine Frau zum Beispiel ein Baby zur Welt gebracht hat, gilt sie für eine gewisse Zeit als unrein. Sie lebt dann eine ganze Weile recht isoliert mit ihrem Säugling und wird nur von anderen Frauen besucht, die ihr Essen bringen. Gleiches gilt für Frauen und Mädchen, die ihre Periode haben. Sie gelten als schmutzig und werden gemieden oder auch in der Schule dafür gehänselt. Deshalb ist es wichtig, dass es Organisationen und Social Enterprises wie Ruby Cup gibt, die dieses Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen und Aufklärungsarbeit leisten.

Sie waren einige Male dabei, wenn die Tassen in Schulen verteilt wurden. Wie sind die Reaktionen?

Asan: Eigentlich durchweg positiv. Die Mädchen freuen sich, mit jemandem über ihre Regel sprechen zu können. Oft ist die Aufklärung über die Pubertät durch Schule und Elternhaus sehr rudimentär. Wenn Mädchen anfangen zu bluten, denken viele, sie hätten eine schlimme Krankheit und trauen sich nicht, sich jemand anzuvertrauen. Wenn wir beginnen, über das Thema Menstruation zu sprechen, ist richtig spürbar, wie sich in den Gruppen ein Knoten löst. Dann kommen nach und nach viele Fragen, und es gibt wirklich viele Missverständnisse und Halbwahrheiten zum Thema Regelblutungen. Mehrere Mädchen haben gehört, Menstruationstassen würden Gebärmutterhalskrebs auslösen, oder auch dass sie ein Sexspielzeug seien. Oft wird auch gefragt, wie man sicher sein kann, die Tasse in die richtige Körperöffnung eingeführt zu haben. Generell wissen die Mädchen meist wenig über den Zyklus und den eigenen Körper. Deswegen sind der Dialog und der Bildungsaspekt mindestens genauso wichtig wie das Verteilen der Tassen.

Warum brauchen Frauen dort überhaupt dringend Menstruationstassen?

Asan: Weil dadurch relativ leicht und kostengünstig schwerwiegende Probleme gelöst werden. Hört sich für uns komisch an, aber allein die Tatsache, dass Mädchen ihre Tage bekommen, kann sie krank machen oder in die Prostitution treiben. Denn Menstruationsprodukte sind im Vergleich zum Einkommen in Kenia extrem teuer. Durch selbstgemachte Binden aus Lehm, Matratzenfüllungen, Ziegenhaut oder Lumpen gelangen Bakterien in den Körper und die Mädchen und Frauen infizieren sich mit Krankheiten. Man hört auch häufiger, dass Mädchen für Binden mit Männern schlafen. Und nicht zuletzt gehen auch viele Mädchen früh von der Schule ab, weil sie während ihrer Periode nicht in die Schule gehen und wegen der vielen Fehlzeiten schlechte Noten bekommen.

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Wissen Sie, was mit den Tassen passiert, nachdem sie verteilt wurden?

Asan: Genutzt werden sie in der Regel auf jeden Fall. Man kann natürlich nicht den Weg jeder einzelnen Tasse verfolgen, aber es gibt Analysen, die belegen, dass die Tassen lange in Gebrauch sind. Ein Mädchen hat mir erzählt, dass ihre Tante ihr die Menstruationstasse weggenommen hat und sie jetzt selbst benutzt. Das zeigt, wie dringend die Menstruationstassen benötigt werden. Und dass die Spenden von Ruby Cup ihren Zweck erfüllen.

Wir wissen jetzt, was Sie den Mädchen beibringen können. Was haben Sie denn selbst in Kenia gelernt?

Asan: Ich habe hier einige Dinge gelernt, die mir überall auf der Welt nützen können. Ganz wichtig für die Arbeit hier ist zum Beispiel Flexibilität. Nairobi ist eine sehr dynamische Stadt und hat ein bisschen eine Wild West-Atmosphäre. In Deutschland hat man bei allem immer schon vorgefahrene Bahnen. Hier komme ich mir bei meiner Arbeit manchmal vor, als müsse ich mit der Machete einen Weg durch den Dschungel schlagen. Das ist manchmal schwierig, gleichzeitig eröffnet es auch ganz neue Möglichkeiten und ist sehr inspirierend. Schon allein bei Terminen gilt es, flexibel zu bleiben. Die Verkehrssituation in Nairobi und das instabile Stromnetz tragen ihren Teil dazu bei, dass eigentlich kaum jemand Termine einhalten kann. Meine Ungeduld habe ich mir hier weitgehend abgewöhnt. Das würde ich auch gerne beibehalten, wenn ich mal wieder nach Deutschland zurückkehre.

Viele junge Menschen haben den Wunsch, mit Ihrer Arbeit die Welt ein Stückchen besser zu machen. Was würden Sie diesen Menschen raten?

Asan: Wer die Welt verändern will, muss dafür neue Wege gehen. Die sind natürlich weder gepflastert noch gut ausgeschildert. Es braucht eben etwas mehr Kreativität. Also muss man gewillt sein, die eigene Komfortzone zu verlassen und darf keine Berührungsängste haben. Und man sollte bei allen Turbulenzen immer ruhig Blut bewahren. Ich würde mir jedoch wünschen, dass mehr Menschen sich trauen, zumindest für eine Zeit ungewöhnliche Wege zu gehen. Es erweitert unheimlich den eigenen Horizont, und gleichzeitig merkt man: Wir ziehen alle an einem Strang, wenn es um unseren Planeten und unsere Mitmenschen geht.

Quelle: UD/pm
 

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