26.09.2018

22.08.2018

UN-Entwicklungsziele

Nachhaltiger Konsum 2030

Wie lässt sich das Ziel einer nachhaltigen Lebensweise in Deutschland verwirklichen – individuell und als Gesellschaft? Wie kann eine an nachhaltiger Entwicklung ausgerichtete Verbraucherpolitik den Wandel sinnvoll unterstützen? Und was sind mögliche Rahmenerzählungen dieser tiefgreifenden Transformation, die dem Handeln im Alltag einen größeren Zusammenhang und eine Richtung geben?

Nachhaltiger Konsum 2030

Im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) hat das Institut für prospektive Analysen (IPA) die Szenarien-Werkstatt „Nachhaltiger Konsum 2030“ durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden im deutschen Global Compact Netzwerk vorgestellt.

Szenario 1: „Warum konsumieren wir nicht schon längst nachhaltig(er)?!“

Dieses Narrativ setzt bei den individuellen Handlungsspielräumen an, über die die bzw. der Einzelne verfügt, um durch entsprechende Kaufentscheidungen und Nutzungsverhalten zu einer Nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Durch die Verringerung des eigenen Verbrauchs und die Wahl von nachhaltigeren Produkten wird das Angebot beeinflusst. Der ökologische Fußabdruck pro Kopf verringert sich. Der Konsument als treibende Kraft mit Lenkungswirkung („Konsumentendemokratie“, „Verbraucher-Macht“) – denn kein Unternehmen kann langfristig überleben, wenn seine (nicht-nachhaltigen) Produkte nicht gekauft werden. Und umgekehrt: werden mehr nachhaltige Produkte nachgefragt, reagieren die Produzenten und weiten das Angebot aus.

Beispiele für Nachhaltigen Konsum sind der Kauf regionaler Lebensmittel und allgemein die Unterstützung regionaler Wirtschaftskreisläufe, Bio-Produkte, die Verringerung des persönlichen Fleischkonsums, die Reduzierung von Wegstrecken und die Wahl von Verkehrsmitteln, die die Umwelt weniger belasten. Die Wahl langlebiger Produkte mit geringerem Energie- oder Ressourcenverbrauch verbessern die Ökobilanz über den Lebenszyklus der Nutzung. Das Konzept der „Sharing Economy“ geht weit über die „gemeinsam genutzte Bohrmaschine“ hinaus. Hier geht es darum, dass Gebrauchsgüter nicht mehr gekauft werden, sondern deren temporäre Nutzung. Vielfältige Modelle des Contractings – von der Bereitstellung von Energiedienstleistungen, Geräten, Arbeitsraum bis zum Erwerb von Serverkapazitäten – gewinnen zunehmend an Bedeutung. Angesichts der Tatsache, dass z.B. der eigene – unter hohem Einsatz von Energie und Ressourcen hergestellte – PKW mehr als 95 Prozent der Zeit ungenutzt steht und Fläche in Anspruch nimmt, wird deutlich, dass durch Modelle des Carsharings enorme Potenziale gehoben werden können. Neben der ökologischen Dimension können achtsame Kauf- und Nutzungsentscheidungen auch zur Stärkung der sozialen Nachhaltigkeit von Produkten und fairen Arbeitsbedingungen beitragen. In der Summe können so individuelle Entscheidungen zu einer deutlichen Reduktion des Umweltverbrauchs beitragen und eine ökologisch nachhaltige sowie sozial tragfähige Entwicklung befördern.

Eine Hürde für die Ausbreitung nachhaltiger Konsummuster besteht jedoch darin, dass Nachhaltiger(er) Konsum oft noch auf Verzicht und Einschränkung von Handlungsfreiräumen reduziert wird. Und in der Tat bedeutet Nachhaltiger Konsum auch die Verringerung von umweltbelastendem oder in sozialer Hinsicht schädlichem Verbrauch – also bewussten Verzicht. Er eröffnet aber ebenso die Perspektive auf einen Zuwachs an Lebensqualität, Sinnhaftigkeit, Entlastung und Vereinfachung. Achtsamer Konsum bedeutet in diesem Sinne weniger die Frage nach dem „Wie viel?“, sondern nach dem „Was?“ und „Wofür?“. Dieser Perspektivenwechsel beschreibt den Wandel vom verbrauchenden zum achtsam nutzenden Konsumenten. Dem Leitbild eines Wandels durch achtsamen und verantwortungsvollen Konsum steht heute zudem die Tatsache gegenüber, dass wir den allergrößten Teil unserer Kaufentscheidungen unbewusst, emotional und/oder gewohnheitsmäßig treffen.

Szenario 2: „Warum sorgt die Politik nicht für die richtigen Gesetze und Rahmenbedingungen?“

In diesem Narrativ wird die Verwirklichung eines Nachhaltigen Konsums vor allem als öffentliche Aufgabe wahrgenommen. Nicht primär der individuelle Konsument, sondern die politisch denkenden und handelnden Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, um die Weichen für den Wandel zu stellen. Es geht darum, die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Produzenten und Verbraucher ihrer Verantwortung nachkommen können. Denn solange Unternehmen in großem Umfang Kosten auf die Umwelt bzw. Gesellschaft abwälzen
(„externalisieren“) dürfen, ist es schwer, nachhaltig zu produzieren und dennoch im Wettbewerb zu bestehen. Wenn zahlreiche politische Maßnahmen und  Subventionen für nicht-nachhaltige Güter auf den Erhalt von Arbeitsplätzen, Wirtschaftswachstum und Steigerung der Binnennachfrage abzielen, steht das den Zielen von Mäßigung und geringerem Ressourcenverbrauch entgegen. Umgekehrt können entsprechende Maßnahmen ein günstiges Klima für Nachhaltigen Konsum schaffen. Im Grunde geht es bei den meisten der oben genannten Zugänge um die Stellschrauben Marktzugang, Preis und Verfügbarkeit, zum Teil aber auch um Bildung/Bewusstsein für eine Nachhaltige Entwicklung (BNE), die Förderung von sozialen und technologischen Innovationen sowie die Anregung und Fortentwicklung des öffentlichen Diskurses über Wohlstand und Nachhaltigkeit.

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Ein paar Beispiele und Handlungsstränge:

  1. Auflagen/keine ‚Licence to operate‘ für nicht-nachhaltige Geschäftsmodelle: Produkte, die grundlegenden Nachhaltigkeitsstandards nicht gerecht werden, sollten den Verbrauchern gar nicht erst als Teil ihrer Konsumentenverantwortung zugemutet werden; sie sollten sich nur entscheiden müssen, ob sie nachhaltige Produkte im engeren oder weiteren Sinne kaufen;  dies setzt in der Praxis funktionierende Indikatoren voraus, anhand derer die Nachhaltigkeit bzw. Nicht-Nachhaltigkeit von Produktionsprozessen und Gütern bewertet werden kann
  2. Umweltverbrauch einpreisen: Durch Auflagen, die für Unternehmen zu einer Internalisierung von Kosten führen, würden nachhaltige Produkte  vergleichsweise billiger (z.B. durch Einführung eines Emissionshandelssystems für die Landwirtschaft)
  3. Wo eine Internalisierung von Kosten nicht möglich ist, könnten fiskalische Anreize gesetzt werden (z.B. verringerter Mehrwertsteuersatz für Bio-Lebensmittel; 19 Prozent Mehrwertsteuer für Fleisch; höhere Besteuerung des Flugverkehrs usw.); Vermeidung von Rebound-Effekten in der Folge von Effizienzsteigerungen durch eine analoge Verteuerung des jeweiligen Produkts (z.B. sinkt der Benzinverbrauch um zehn Prozent, wird Benzin durch fiskalische Instrumente entsprechend verteuert).
  4. Jährlich werden nach Schätzungen des Umweltbundesamtes über 50 Milliarden Euro Subventionen für nichtnachhaltige Produkte gezahlt, diese könnte man abbauen (z.B. Abschaffung der Subventionen für Dienstwagen mit hohem Benzinverbrauch) und in sozialverträgliche „Fading-outs“ und Anschubsubventionen für nachhaltige Technologien und Güter umlenken.
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Szenario 3: „Warum haben technologische Innovationen bislang kaum zu mehr Nachhaltigkeit geführt?“

Bei diesem Ansatz spielen technologische Innovationen eine zentrale Rolle. Nachhaltiger Konsum wird durch regenerative Energien, eine signifikante Steigerung der Ressourcenproduktivität sowie die Entwicklung umweltverträglicher Produkte und Stoffkreisläufe ermöglicht. Denn angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der wirtschaftlichen Dynamik in den Schwellen- und  Entwicklungsländern können Konsumverzicht und die Verringerung von Emissionen und Ressourcenverbrauch in den entwickelten Industrieländern nur begrenzt etwas bewirken. Zudem gibt es kaum Beispiele in der Geschichte, wo ein einmal erreichter Lebensstandard freiwillig wieder eingeschränkt wurde. Durchbruchsinnovationen und technologische Systemsprünge sind in dieser Perspektive eine wichtige  Voraussetzung für eine tragfähige globale Entwicklung.

Eine zentrale Voraussetzung für die Etablierung eines nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells ist die Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie. Die Nutzung fossiler Energieträger (und anderer Formen der nichtnachhaltigen Energiegewinnung) stehen nur noch temporär zur Verfügung. Denn sie belasten die Umwelt und sie gehen zur Neige. Auf längere Sicht muss der Energiemix in  Deutschland nahezu ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt  werden. Die Aussichten dafür stehen gut. Neben der Energieerzeugung geht es aber auch um die Entwicklung neuer Speichermedien und effizienter Netze. Und es geht auch darum, unkonventionelle Wege zu erkunden. Kohlendioxid ist zum Beispiel im Übermaß vorhanden und könnte unter dem Einsatz von regenerativen Energiequellen zur Gewinnung von Methanol oder anderen lagerfähigen Brennstoffen genutzt werden (doppelter Nutzen: Verringerung von CO2 in der Atmosphäre und ein günstiges Betriebsmittel für die Energiespeicherung). Vielleicht werden wir in ein paar Jahrzehnten unbegrenzte Energie aus Kernfusionsreaktoren oder sogar im Zuge der kalten Fusion erzeugen können. Neben der Frage der Energiegewinnung bestehen unzählige und große Potentiale bezüglich der Steigerung der Energieeffizienz.

Eine Pusteblume vor einem Strommast

Heute werden noch viele Ressourcen und natürliche Lebensgrundlagen hochgradig ineffizient verbraucht. Die Steigerung der Ressourcenproduktivität ist darum ein weiteres Kernelement für die Erreichung eines nachhaltigen Entwicklungsmodells. Auch müssen lineare Verwertungswege vom Rohstoff bis zum Abfall bzw. Schadstoff weitgehend durch zirkuläre Prozesse und Stoffkreisläufe ersetzt werden. Der „Cradle-to-Cradle“-Ansatz steht exemplarisch für diese Perspektive. Stoffe oder Stoffverbindungen, die sich nicht ohne großen Aufwand weiterverwerten oder wieder in natürliche Kreisläufe zurückführen lassen, müssen in der Zukunft stark zugunsten nachhaltiger und konsistenter Herstellungsprozesse verringert werden.

Der Reiz dieser Perspektive liegt auch darin, dass grundlegende Veränderungen von individuellen und kollektiven Verhaltensmustern die Erreichung des Ziels eines nachhaltigen Konsums zwar unterstützen, aber nicht unabdingbare Voraussetzung sind. Ein tiefgreifender Werte- und Systemwandel ist nicht notwendig. Wirtschaftswachstum und die weitere Ausweitung des Konsums bleiben auch in den reifen Industrieländern weiterhin möglich, wenn dieses Wachstum „grün“ bzw. „blau“ und inklusiv erreicht wird.

Andererseits bestehen auch Zweifel an der Konzeption eines „nachhaltigen Wirtschaftswachstums“ und einer Fortführung des bisherigen ökonomischen Paradigmas. Denn in der Rückschau sind mit jeder technologischen Innovation auch nicht intendierte Nebeneffekte verbunden. Allzu oft haben die Lösungen von gestern zu den Problemen von heute geführt. Und so ist gegenwärtig zum Beispiel noch schwer abschätzbar, welche langfristigen Folgen sich aus der Nutzung von Nanotechnologien, neuen Energiesystemen, der Molekularbiologie, Geo-Engineering etc. ergeben. Und selbst eine durchweg ökologische Erzeugung von Lebensmitteln kann die Tragfähigkeit unserer Ökosysteme überschreiten.

Dieser Artikel ist im Original im Global Compact Deutschland 2017 „Deutschland 2030 - Wie können wir die SDGs umsetzen?“ erschienen.

Mehr zum Thema:

Global Compact Jahrbuch 2017
Quelle: UmweltDialog
 

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